Erinnerung an Marius Romme

Monika Hoffmann

Marius Romme, der Begründer und führende Theoretiker der Stimmenhören-Bewegung, verstarb am 4. Juni 2026 im Alter von 92 Jahren. Sein Alter war kaum zu glauben, wenn man ihn in Aktion erlebte, sein leidenschaftliches Engagement für die Forschung zum Thema Stimmenhören und für die Weiterentwicklung der „Hearing Voices“-Bewegung sowie seine Offenheit für neue Entwicklungen und Ideen. Wahrscheinlich war es gerade dieser zuletzt genannte Charakterzug – in Verbindung mit dem Drang, offenen Fragen auf den Grund zu gehen –, der ihn vor vielen Jahren in Konflikt mit seinen wissenschaftlichen Kollegen brachte, wie Jim van Os, sein Nachfolger an der Universität Maastricht, in seiner Rede anlässlich von Marius’ feierlicher Verabschiedung von der Universität Maastricht im Jahr 1999 bedauernd bestätigte.

Was war geschehen? Als Reaktion auf die Beschwerde einer seiner Patientinnen, dass ihr Stimmenhören nichts mit Psychose zu tun habe, war er von den üblichen wissenschaftlichen Methoden abgewichen und trat Ende der 80er Jahre gemeinsam mit der Patientin, Patsy Hage, in einer niederländischen TV-Talkshow auf. Ich habe Marius nie gefragt, ob meine Vermutung stimmt, aber ich spüre hier den Einfluss von Sandra Escher, seiner damaligen Mitarbeiterin und späteren Ehefrau.

In der Talkshow baten Patsy und Marius die Zuschauer um ihre Erfahrungen mit dem Stimmenhören und um ihre individuellen Erklärungen für die Stimmen. Mit mehr als 300 eingegangenen Antworten von StimmenhörerInnen, von denen etwa ein Drittel keine Probleme mit ihren Stimmen hatte, begann Marius eine neue Art der Forschung. Diese Forschung ging nicht davon aus, dass Stimmenhören nur als Symptom einer zugrundeliegenden Krankheit verstanden werden kann, sondern vertrat eine unvoreingenommene erfahrungsbasierte Vorstellung vom Stimmenhören.

Damit verstieß Marius gegen die damaligen Normen psychiatrischer Forschung. Er verstand und behandelte PatientInnen als ExpertInnen ihrer eigenen Erfahrung in einer Welt, die nicht nur auf Krankheitseinsicht (in der medizinischen Definition), sondern auch auf Zustimmung (“Compliance”) zur Behandlung (nämlich der Behandlung mit Neuroleptika) als Voraussetzung jeder Heilbehandlung bestand. Während er dadurch den Respekt seiner wissenschaftlichen KollegInnen für eine Weile verlor – er war sich dessen bewusst aber er war so selbstbewusst, dass es ihn nicht aufhielt – gewann er das Vertrauen der ExpertInnen durch Erfahrung.

1995 organisierten Marius und Sandra in Maastricht eine internationale Konferenz zum Stimmenhören und mehr als 200 StimmenhörerInnen aus den Niederlanden, Großbritannien (das größte Kontingent), Österreich, Dänemark, Deutschland und Italien kamen. Dort begegneten sich ExpertInnen durch Erfahrung und ExpertInnen durch Beruf auf Augenhöhe während sie jeweils ihre Vorträge abhielten. Gleichzeitig trafen sich diese ExpertInnen aus Erfahrungen mit Familienmitgliedern und ExpertInnen aus Beruf als ZuhörerInnen.

Heute ist das in der Stimmenhörenwelt normal. 1995 gab es dafür noch keinerlei Erfahrung in der wissenschaftlichen Welt. Das wirkte sich nicht nur auf die ExpertInnen durch Erfahrung aus. Obgleich die anwesenden ExpertInnen durch Beruf offen für diese Erfahrung waren, merkten viele in Maastricht, wie die Bereitschaft ihre Vorstellungen offener in ihrer beruflichen Welt zu testen und zu vertreten, wuchs. Ich erinnere mich, wie ich bei der Verlesung meiner Forschungsergebnisse plötzlich realisierte, dass ich viele meiner ZuhörerInnen eventuell durch meine Nutzung der Worte “akustisches Halluzinieren” verletzen könnte und wechselte mitten im Vortrag stattdessen zu “Stimmenhören”. Das habe ich danach beibehalten. Auf der Rückreise fing ich an zu planen, wie ich mein berufliches Handeln besser an die in der Konferenz gewonnenen neuen Erfahrungen anpassen kann.

Mit der Konferenz hatten Marius und Sandra nicht nur einen Ideenaustausch zwischen den Expertengruppen gestartet, die einander tatsächlich zuhörten, sie hatten auch einen Austausch zwischen gleichgesinnten KollegInnen aus Großbritannien, den Niederlanden, Belgien und Italien gestartet, die sich bis dahin als Einzelkämpfer verstanden hatten. Manche Forschungsprojekte entstanden nach dieser Tagung. Zur ganzen Geschichte gehört, dass Sandra Escher eine kongeniale Partnerin von Marius Romme sowohl in seinem Leben als auch in seiner Arbeit wurde. Sie entwickelten zusammen Forschungsdesigns für die Untersuchung der Verbindung zwischen Biographie und Stimmenhören oder zu den individuellen Unterschieden in der Entwicklung des Stimmenhörens sowie zu den Strategien im Umgang mit Stimmenhören. Sie entwickelten das Maastricht Interview, mit dessen Hilfe der Sinn des Stimmenhörens verstanden werden kann. Das Interview ist in der Zwischenzeit in viele Sprachen übersetzt und wird von trainierten Mitgliedern aller Expertengruppen genutzt. Marius und Sandra haben zusammen Bücher geschrieben, die das Leben vieler StimmenhörerInnen verändert haben, indem sie ihnen aus der Isolation heraus geholfen haben und ihnen Wege gezeigt haben, besser mit den Stimmen umzugehen. Hier nur einige der Titel: “Stimmenhören akzeptieren”, “Stimmenhören verstehen”, “Stimmenhören und Ich” und 2012 editieren sie das Buch “Psychosis as a Personal Crisis”, in dem das Konzept Psychose hinterfragt wird. Sie organisierten internationale Konferenzen und veranstalteten in vielen Ländern Workshops zu konstruktiverem Umgang mit Stimmenhören.

Eine andere Folge der 1995er Tagung war die Gründung von Selbsthilfegruppen, die sich wie ein Flächenbrand in den beteiligten Ländern ausbreiteten. Marius und Sandra investierten viel Energie und auch Geld, um diese Anfänge zu unterstützen. Vor der Gründung von INTERVOICE luden sie Mitglieder existierender internationaler Selbsthilfegruppen – besonders solche, die von der Alltagsarbeit überwältigt waren – zu sich nach Maastricht ein, fanden Schlafplätze für sie – meistens bei sich zuhause – ernährten sie, bauten sie mit Ermutigungen wieder auf und vernetzten sie mit anderen Gruppen. Sie übernahmen Reisekosten für die, die sich eine Reise nicht leisten konnten. Ich weiß wirklich nicht, wie sie das möglich machen konnten, aber sie machten es möglich!

1997 bekam das Lieblingsprojekt von Marius, für das er bei jedem internationalen Treffen geworben hatte, einen Namen. ExpertInnen durch Erfahrung und solche durch Beruf schufen eine Organisationsform für die unterschiedlichen internationalen Gruppierung der Stimmenhörenden und nannten sie INTERVOICE, International Network for Training, Education and Research into hearing Voices. 2007 wurde INTERVOICE in eine nicht-Profit-machende Gesellschaft nach englischem Recht überführt. Marius Romme wurde in dem ersten darauf folgende internationalen Treffen in Nottingham in Anerkennung seiner Verdienste zum Präsidenten gewählt. Das Samenkorn, das Marius in der achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts gesetzt hat, ist unter der gemeinsamen Anstrengung von Marius und Sandra mit voller Unterstützung der Stimmenhörenbewegung zu einem mächtigen Baum geworden und umfasst jetzt 3 ExpertInnengruppen, solchen durch Erfahrung, denen durch Begleitung und solchen durch Beruf. Beim 80. Geburtstag von Marius umfasste INTERVOICE Mitglieder aus Argentinien, Australien, Belgien, Canada, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Japan, Kenia, Niederlande, Neuseeland, Norwegen, Palästina, Schweden, Schweiz, Spanien und USA.

Zur ganzen Geschichte gehört, dass obgleich Marius mutig seinem Instinkt folgte und der traditionellen Psychiatrie die kalte Schulter zeigte, seine KollegInnen – mit den Worten von Jim van Os – später anerkannt haben, dass er nicht vom Wege abgewichen ist, sondern dass er vorausschauender als sie gewesen ist. Heute ist der erfahrungsbasierte Forschungsansatz völlig anerkannt.

Mit dem Tod von Marius Romme verliert die Stimmenhörenbewegung einen Freund, Mentor und starken Förderer. Zusammen mit Sandra Escher hat er das Verständnis des Stimmenhörens weit vorangetrieben. Er hat nicht nur die ExpertInnen durch Erfahrung und die durch Begleitung unterstützt, sondern er hat auch die ExpertInnen durch Beruf ermutigt, neue Wege zu gehen und neue Methoden zu nutzen.

Danke Marius und gute Reise!